Ein gar märchenhaftes Wochenende    

Jedes Jahr Anfang Juni trommelt der Main-Kinzig-Kreis Jacob und Wilhelm Grimm und ihre Figuren Rotkäppchen, Dornröschen, Schneewittchen, Frau Holle sowie Hänsel und Gretel zusammen, um einer stetig steigenden Zahl von LäuferInnen ein dreitägiges Lauffest zu bieten. Und feste laufen muß man außerdem, immerhin beträgt die zurückzulegende Distanz 82 km, die sich allerdings auf 5 Etappen verteilen. Es handelt sich also nicht um einen Ultralauf, der schon von vornherein nur einen relativ kleinen Läuferkreis interessiert, sondern um 5 Strecken zwischen 14 und 18 km – Entfernungen also, die man mal eben so als Volkslauf öfter zurücklegt. Das Geheimnis des Erfolges beim Brüder-Grimm-Lauf liegt allerdings darin, nicht jede Etappe so zu laufen, als ob es die einzige wäre. Dafür sind die Regenerationspausen zu kurz, wer zu Beginn überzieht, spürt die Rache der Muskeln quasi direkt auf den Fuß.

 

Dieses Jahr fiel der Brüder-Grimm-Lauf (in der Szene auch einfach als BGL bekannt) auf den 11. bis 13. Juni. Aus organisatorischen Gründen ist die Teilnehmerzahl auf 500 begrenzt, bereits am 02. April meldete das Organisationsbüro „wir haben fertig“. Dazu kommen dann noch bei jedem Lauf ein paar Einzeletappenläufer, die ein weithin sichtbares E auf dem Rücken tragen müssen. 494 Finisher wies die Gesamtergebnisliste am Sonntagabend aus – wer sich auf den BGL einläßt, weiß, was er tut.

 

Los geht’s freitags abends um 17.30 h auf dem Marktplatz von Hanau – und die erste Etappe namens Rotkäppchen nach Niederrodenbach ist flach und 100% asphaltiert, geht 15,5 km lang durch Feld, Wald, Flur und ein paar Ortschaften. Schon am ersten Abend zeigen ein paar Schwaben aus Aulendorf (südwestlich von Ulm Richtung Bodensee), daß man mit ihnen rechnen muß. Die Yetis, selbst Veranstalter eines Stadtlaufs im Juli, belegen die ersten drei Plätze und so sollte das auch über alle 5 Etappen bleiben. Einzig der Name ganz oben auf der Liste änderte sich nach der ersten Etappe. Die gewann Frank Scharnweber, die übrigen 4 und damit auch den ganzen Lauf der 5 Jahre jüngere Torsten Moch. Für Moch war es bereits die sechste BGL-Teilnahme – und mit Sicherheit nicht die letzte. Die Gruppe der nach Hessen reisenden Yetis wird jedes Jahr größer, diesmal waren sie schon im Dutzend zu haben. Reimund Klitz aus Weimar, der 49jährige BGL-Sieger der Jahre 2000, 2001 und 2003, hat sich seit letztem Jahr den Yetis speziell für den BGL angeschlossen. Dieses Jahr konnte er sich nicht gegen die jüngeren Kollegen durchsetzen, wurde 1x Dritter und 4x Zweiter.

 

Am Samstagmorgen, viele der TeilnehmerInnen schlafen und frühstücken traditionell in der Halle, lockt ab 9.30 h Dornröschen die LäuferInnen ab 9.30 h von Niederrodenbach nach Neuenhaßlau. Diese Etappe ist mit 14 km die kürzeste, aber schon warten die ersten Steigungen darauf, bezwungen zu werden. Das Geläuf besteht teils aus Asphalt, teils aus gut befestigten Waldwegen. Nachdem am Freitag ein erklecklicher Platzregen fast den Start zu verschieben drohte, spielte Petrus jetzt gut mit, bei Sonne und äußerst angenehmen Lauftemperaturen war Neuenhaßlau schnell erreicht – Zeit für eine ausgedehnte Mittagspause im Schulhof und der Turnhalle der Grundschule. Schon legendär ist das Verpflegungsangebot des örtlichen Lauftreffs. Hier gibt’s fast alles, was das Herz begehrt und so vergehen die Stunden bis zum nächsten Start mit essen, schlafen, Schwätzchen halten, lesen und ausruhen wie im Flug. Doch – ach – ca. eine Stunde vorm nachmittäglichen Startschuß wird es pechschwarz am Himmel und innerhalb kürzester Zeit öffnet der Himmel seine Schleusen, selbst das Turnhallendach hält den Wassermassen nicht mehr komplett stand, das Thermometer fällt in Rekordzeit von 20 auf 11°C.

 

Doch irgendwie hat die nächste Etappenpatin Schneewittchen wohl einen guten Draht nach oben, denn pünktlich um 16.30 h ist es wieder trocken und 17 km nach Gelnhausen warten auf das Laufvolk. Hier ist es schon reichlich hügelig, aber die schönen Ausblicke entschädigen für so manche Strapaze.

 

Zum 20. Jubiläum des BGL hat man sich etwas Neues einfallen lassen: die Etappensieger erhalten jeweils ein gelbes Funktionsshirt mit entsprechendem Aufdruck – die Tour de France läßt auch so grüßen. Bei der abendlichen Nudelparty (mit Tombola und Tanzvorführungen, launig moderiert von VanMan Jochen Heringhaus) wird das maillot jaune für die dritte Etappe an Yeti Torsten Moch verliehen, bei den Frauen erhält es zum zweiten Mal Lokalmatadorin Regina Blatz, die sich das Shirt auch schon am Freitagabend sicherte. Die zweite Etappe hatte Heike Grob vom TV Flieden für sich entscheiden können.

 

Kurz nach 22 h schickte Jochen Heringhaus die BGLer mit einem weithin unbekannten Grimmschen Märchen (Der Grabhügel) ins Bett, eine knappe Stunde später ging in der Halle das Licht aus und Ruhe kehrte ein. Immerhin standen am nächsten Tag noch die beiden längsten Etappen und die meisten Höhenmeter bevor, los ging’s um 9 h morgens.

 

Der Untermarkt in Gelnhausen faßt gerade mal so die gut 500 Läufer und einige Zuschauer. Bereits ein paar Meter hinter dem Starttransparent wartet Frau Holle mit einer 90°-Rechtskurve auf, hinter der es erstmal knackig bergauf geht. Kein Wunder, daß es sich hier ein bißchen staut. Da die meisten BGL-Läufer Wiederholungstäter sind, ist das aber schon bekannt und auch direkt eingeplant, der Start verläuft eher gemütlich. Diese Etappe wird gemeinhin auch die Königsetappe genannt, geht es doch die ersten 11 der 17,5 km überwiegend bergauf. Der höchste Punkt, die Vier Fichten, ist kurz hinter dem Schild mit der 11 erreicht und von nun an geht’s nur noch bergab, bis Wächtersbach erreicht ist.

 

Das Startbanner zur letzten Etappe, die unter der Schirmherrschaft von Hänsel und Gretel stattfindet, hängt allerdings nicht in Wächtersbach, sondern in Bad Orb. Dorthin werden die Läufer durch einen eigens für das ganze Wochenende eingerichteten Shuttledienst gebracht, es gibt auch jeweils Pendelbusse zwischen den Ziel- und Startorten, damit die Autos nachgezogen werden können. Mittagessen gibt’s auch in Bad Orb, der Schulhof und die Turnhalle der Grund- und Hauptschule laden zum Ausruhen ein.

 

Diese 5. Etappe ist auch die längste. Die ersten 1,5 km nach dem Start sind relativ eben, dann verdonnert ein Anstieg von 189 auf 304 m üNN auf 1,3 km Streckenlänge viele im Feld zum Gehen. Es folgt eine Gefällstrecke von 2 km Länge, an deren Ende man sich auf 105 m üNN befindet und dann geht’s durchweg fast eben durch das Orber Tal, Bad Soden-Salmünster, Ahl und entlang des Kinzigstausees nach Steinau. Schon von Weitem hört man Zielmoderator Jochen Heringhaus, aber bevor man ihn im Ziel „Am Kumpen“ erreicht, geht’s erstmal noch 2 km durch die Steinauer Gassen und Straßen.

 

Und nun folgt der krönende Abschluß eines ereignis- und kilometerreichen Wochenendes: Finsher-Shirts abholen, duschen, evtl. noch massieren lassen – und dann auf zur Siegerehrung. Diese findet im Freien statt, wiederum moderiert vom VanMan. Bei Kuchen, Gegrilltem, Frittiertem und allerlei Flüssignahrung wird gefeiert, werden Anekdoten ausgetauscht, man verabredet sich fürs kommende Jahr an gleicher Stelle. Nur ca. 48 h dauert dieses lange Wochenende, aber man hat ausreichend Zeit, alte Kontakte zu pflegen, neue Bekanntschaften zu machen und das familiäre Ambiente dieser außergewöhnlichen Veranstaltung zu genießen.

 

Gesamtsiegerin bei den Frauen wurde nach einem spannenden Finish Regina Blatz vom LT Steinau. Nach der vierten Etappe lag sie noch 7 sec. hinter Heike Grob, die diese auch gewonnen hatte, konnte sich dann aber mit mentaler Härte und Risikobereitschaft schon auf den ersten Kilometern von der Konkurrentin absetzen und hatte am Ende mit 5:40:35 h gut eine Minute Vorsprung. Dritte und Vierte wurden Carmen Hildebrand und Simone Stöppler, die beide vierzehn Tage vorher noch im deutschen Trikot bei der 100 km-EM in Florenz am Start waren, Simone Stöppler wurde dort Vizeeuropameisterin der W40. Auf den Plätzen 5 und 6 folgten Marion Bührmann und Joanna Tywczinski mit nur 8 sec. Zeitdifferenz auf den Gesamtplätzen 84 und 85.

 

Bei den Männern blieben die ersten 3, die Yetis Torsten Moch, Reimund Klitz und Frank Scharneweber unter der magischen 5 h-Grenze: 4:51:11 – 4:52:28 – 4:58:13 sind die Ergebnisse, die natürlich auch den Sieg in der Mannschaftswertung einbrachten. Ralf Selle vom SC Oberlahn, der erst 18jährigen Björn Kuttich (Offenbacher LC( und Stephan Frank (LG Offenbach) komplettierten die beim BGL jeweils geehrten glorreichen 6.

 

Zum Jubiläum gab’s dann in diesem Jahr auch noch Sonderehrungen für treue Fans des BGL. Absoluter Spitzenreiter ist hierbei Kalli Flach aus Niederrodenbach. Der 66jährige, der seit Jahren ein Abonnement auf Startnummer 1 hat, hat bisher keinen BGL (übrigens aber auch noch keinen Frankfurt-Marathon) ausgelassen, er gehört also wirklich zum Inventar.

 

Der 21. BGL wird vom 10.-12. Juni 2005 stattfinden, der Main-Kinzig-Teil der Deutschen Märchenstraße wird sicher auch dann wieder 500 neue und alte Freunde des Laufs anlocken. Inzwischen wurde ein Förderverein gegründet, der BGL wird ab 2005 auch eine eigene Homepage bekommen. Die Ergebnisse 2004 findet man unter www.mkk.de.

für condition, Heft August 2004