Es waren einmal...

 

ein paar Schwaben aus Aulendorf, die verpaßten ihrer Sportgemeinschaft den Beinamen „Yeti“, weil sie so oft in der Schweiz liefen. Und dann fielen sie alljährlich im schönen Hessen ein, um sich beim Brüder-Grimm-Lauf von Jahr zu Jahr zu steigern. Ihren bisherigen Siegeshöhepunkt erreichten sie 2004 mit den ersten 3 Gesamtplätzen und natürlich damit einhergehend dem Gesamtsieg in der Mannschaftswertung.

 

Und es war einmal eine Mutter von 7 Kindern, die seit Jahren die Siegertreppchen im erweiterten Rhein-Main-Gebiet stürmt und auch beim Brüder-Grimm-Lauf schon ganz vorne mit dabei war, zuletzt 2003 mit dem zweiten Platz. Ihren bisherigen Siegeshöhepunkt erreichte Regina Blatz 2004 mit dem ersten Gesamtplatz bei den Frauen.

 

Soviel zum Ende des 20. Brüder-Grimm-Laufs von Hanau nach Steinau vom 11. bis 13. Juni 2004. Bis es so weit war, mußte aber alle Beteiligten noch viel Schweiß und Kraft auf der insgesamt 82 km langen Strecke lassen. Und das kam so:

 

Am zweiten Freitag jedes Junis ist in Hanau der Teufel los. Ab 14.30 h werden im Foyer der Main-Kinzig-Halle die Startnummern für den Etappenlauf entlang der Deutschen Märchenstraße ausgegeben und so nach und nach füllen sich Parkdeck und Gelände. Ein guter Teil der Teilnehmer kommt jedes Jahr wieder und so werden alte Bekannte auch vom emsigen und beständigen Orgateam um Ingrid Rams und Sabine Fritz mit lautem Hallo begrüßt. Die Zeit bis zum ersten Startschuß um 16.30 h vergeht wie im Fluge, egal, wie früh man vor Ort ist. In diesem Jahr wurden die Nerven der gut 500 Läufer aber noch auf eine harte Probe gestellt, denn 20 min vor Laufbeginn prasselte ein Platzregen vom Allerfeinsten auf den Marktplatz runter. Pünktlich zum Startschuß hörte es aber auf und Vanman Jochen Heringhaus und Landrat Karl Eyerkaufer schickten das Laufvolk los. Der Startschuß wird beim Brüder-Grimm-Lauf mit moderner Kommunikationstechnik (kurz Handy genannt) ins Ziel übertragen, denn die bekannte rote Chipmatte liegt nur dort, der Start wird brutto genommen.

 

Die erste Etappe heißt Rotkäppchen und ist gerade gut zum Einrollen: 15,5 km, brettflach (wenn man mal von 2 oder 3 Brücken absieht) und komplett asphaltiert führt sie an einer Klosterruine vorbei nach Niederrodenbach. Das Geheimnis ist hier, nicht zu überpacen und doch ein gutes Tempo vorzulegen, immerhin kann man jetzt erstmal ein paar Stunden schlafen und neue Kraft tanken.

 

Viele übernachten direkt in der Bulau-Halle, vor der das Zielbanner gespannt ist. Auch Läufer aus der näheren Umgebung ziehen eine Hallenübernachtung vor, weil das beim Brüder-Grimm-Lauf genauso dazugehört wie das Unisexduschen und die fröhliche Abschlußfeier am Sonntag in Steinau.

 

Schon nach der ersten Etappe ist klar: mit den Yetis muß man dieses Jahr mehr denn je rechnen. Bei den Frauen führt gleich Regina Blatz die Liste an. Zum 20. Jubiläum hat man sich etwas Neues ausgedacht: die Etappensieger erhalten das Maillot jaune, das gelbe Trikot des Spitzenreiters, mit dem sie dann auch die anschließende Etappe laufen (sollten).

 

Morgens um 6 h ist die Nacht dann zuende, Frühstück um 6:30 h, man hat ausreichend Zeit, um bis zum Start um 9.30 h wach und satt zu werden. Kurz nach 9 h versammelt sich alles am alten Rathaus in Niederrodenbach, um eine Tafel mit den Ergebnissen des Vortages bildet sich ein Knäuel – man will einfach wissen, wo man steht. Die Dornröschen-Etappe ist die kürzeste. 14 km über den Käfernberg und die Ortschaften Oberrodenbach, Hasselroth-Gondsroth führen die Märchenläufer bis nach Neuenhaßlau. Unterwegs hat man die ersten Steigungen (2x etwa 60 m auf 600 m Länge) zu bewältigen, der Untergrund ist noch überwiegend asphaltiert.

 

Wenn man dann wieder bei Jochen Heringhaus ankommt, ist erstmal eine ausführliche Mittagspause angesagt. Die braucht man auch dringend, um sich und die Muskulatur zu erholen. Legendär ist die vom Lauftreff Neuenhaßlau bewirtschaftete „Kantine“ unter freiem Himmel im Schulhof. Die Kuchentheke sucht bei so manchem Volkslauf ihresgleichen, außerdem gibt’s belegte Brötchen, Nudelsuppe, heiße Wurst und diverse Getränke. Da man nicht so richtig wußte, ob denn das Wetter halten würde, verzogen sich die Meisten, die vor Ort blieben, lieber gleich in die Halle, die bis auf den letzten Matten- und Luftmatratzenplatz belegt war. Draußen auf der Wiese war wesentlich mehr Platz, da mußte man aber hin und wieder vor Regentropfen flüchten. Zwischendurch vertrieb man sich die Zeit mit Mittagsschläfchen, Autos nach- und vorziehen, Lektüre und/oder netten Gesprächen. „Flucht komplett“ war eine Stunde vorm Start angesagt, ein Wolkenbruch mit Hagel ließ die Quecksilbersäule des Thermometer in Windeseile von 20 auf 11 Grad sinken und dem Laufvolk rutschte im selben Tempo das Herz in die Hose. Wie sollte man denn bei solchem Wetter laufen? Aber Petrus ist bekanntlich Läufer und so hörte es rechtzeitig kurz vorm 3. Startschuß um 16.30 h wieder auf, die Sonne kam sogar noch mal aus ihrem Versteck, ohne aber ein größeres Dampfbad zu verursachen.

 

Schneewittchen heißt die 17 km lange Strecke nach Gelnhausen, die schon einige ganz schön knackige Anstiege zu bieten hat. Wunderschön dabei aber die Ausblicke in die gerade verlassenen und noch zu erreichenden Ebenen. Der Spessart hat viel Landschaft zu bieten – Erholung für die Sinne, während der Körper Höchstleistungen erbringt. Die letzten Kilometer Richtung Gelnhausen verlaufen wieder flach und wenn man den Sportplatz mit seiner Tartanbahn erreicht hat, sind zwar 60% überstanden, das Schlimmste steht aber am nächsten Tag noch bevor. Torsten Moch von den Yetis hat bereits zwei Etappen gewonnen und Regina Blatz alle drei bisherigen. 

 

Zur abendlichen Pastaparty in der Stadthalle sind’s nur ein paar Gehminuten von der Sport-und Schlafhalle aus, aber die Gehstile werden doch schon deutlich ungelenker oder mühsamer. Nicht jeder kommt in den Genuß der kostenlos angebotenen Massage, denn die Schlangen sind lang und die schnellen Läufer ganz klar im Vorteil. Die Letzten verlassen die Massageliegen erst nach 21 h und damit eine Stunde nach Freigabe der Nudelschüsseln. Eine mögliche Lösung wäre die Ausgabe eines Massagegutscheins mit jeder Startnummer, damit auch die Langsamen mal zeitnah oder überhaupt noch Profihände an ihre Muskeln lassen könnten. Kurz nach 22 h beschließt Jochen Heringhaus einen schönen „bunten Abend“ mit Tombola und Tanzeinlagen mit einem Grimmschen Märchen und schickt die Läufer ins Bett.

 

Schließlich geht’s am Sonntagmorgen bereits um 9 h wieder los und jetzt wartet die Königsetappe auf die Läufer. Von Gelnhausen führt ihr Weg nach Wächtersbach. Frau Holle ist der offizielle Name dieser Etappe, „Königs-“ ihre inoffizielle Vorsilbe. Die erste knackige Steigung lauert direkt hinter der ersten Ecke, was zu einem Abbiegstau direkt nach der Passage des Startbanners führt. Die Etappenbeschreibung spricht von „Nach dem Start zunächst 1 km eben“, aber das stimmt so nicht, auch wenn nach dem ersten Berg auch noch mal ein etwas ebenerer Abschnitt kommt. Von nun an geht’s bergauf – kurz hinter Kilometer 11 sind die Vier Fichten und damit der höchste Punkt erreicht. Die letzten 6 km geht’s zum Teil heftig bergab. „Wer bremst, verliert“ ist die Devise vieler Läufer, für einige ist es eine Gratwanderung, Bergablaufen vertragen nicht alle Knie und Oberschenkel gleich gut.

 

Von Wächtersbach aus fährt ein Shuttlebus an den Startort der letzten Etappe, nach Bad Orb. Ein anderer bringt einen Teil der müden Krieger zurück nach Gelnhausen, damit die dort noch parkenden Autos geholt und nach Steinau vor gefahren werden können, von dort aus ist dann um 14 h ein Abholservice nach Bad Orb organisiert.

 

Auch im Bad Orber Schulhof warten Kuchen, Suppe, Getränke, eine Turnhalle und viel freier Platz in frischer Luft auf die ruhebedürftigen Läufer und die Mittagspause vergeht wie im Flug, außer ein paar wenigen Regentropfen bleibt es zum Glück trocken.

 

Sonntag, 15.30 h – der letzte Startschuß, die letzte Etappe, die letzten 18 km. Und die hat gleich einen Doppelnamen, heißt nämlich Hänsel & Gretel. Direkt der Anfang hat es in sich. Die ersten 1 ½ km sind zum Warmwerden flach, dann folgen 115 m Steigung auf einer Streckenlänge von 1,5 km. Kein Wunder, daß im hinteren Teil des Feldes nur noch kräftig gewandert wird. „Laufen, bis es nicht mehr geht und dann gehen, bis es wieder läuft“ ist hier die Devise. Die folgenden 2 km führen dann wieder bergab bis auf 105 m und der Rest ist so gut wie flach, überwiegend asphaltiert und führt durch viel freies Feld und entlang der Kinzigtalsperre. 2 km vor den erlösenden Zielmatten kann man Jochen Heringhaus schon hören, aber bevor man ihn auch sehen kann, muß man sich noch ein bißchen in den Straßen von Steinau rumtreiben. Dann endlich hat man den Kumpen erreicht, das große Kopfsteinpflaster, den Brunnen, das alte Rathaus – das Ziel!

 

In der Männerwertung hatten die Yetis Torsten Moch und Reimund Klitz (Sieger 2002, 2001, 2003) auch auf der 5. Etappe wieder die Nase vorn, in der Gesamtwertung war Torsten Moch nicht mehr zu schlagen. 4:51:11 h brauchte er für die 82 km. Sein nächstes großes Ziel ist eine 2:34 beim Berlin-Marathon Ende September. Dieser Brüder-Grimm-Lauf war sein 6., er ist restlos begeistert von Veranstaltung, Organisation und Streckenführung. Klar, daß er nächstes Jahr wieder dabei sein will – der gewonnene Gutschein „zwingt“ ihn ja sowieso dazu.

 

Klitz, seit 2003 von den Yetis für den BGL „eingekauft“, brauchte 4:52:28 h und war damit deutlich schneller als bei seinen Siegen von 2001 und 2003. Auch Platz 3 ging an die Yetis und Frank Scharneweber, der mit 4:58:13 h auch noch unter der magischen 5 h-Grenze blieb.

 

Den ersten Hessen findet man mit einer Endzeit von 5:03:29 h auf Platz 4: Ralf Selle vom SC Oberlahn. Der 34jährige lag nach der 3. Etappe nur 22 sec. vor der Überraschung auf Platz 5, Björn Kuttich vom Offenbacher LC. Der 18jährige ist ein alter BGL-Hase, läuft hier schon seit einigen Jahren unter den ersten 20 mit. Trotzdem hatte offenbar niemand mit seinem Leistungssprung gerechnet. Leider hat er sich auf der 3. und 4. Etappe ein wenig übernommen und so hatte er am Ende 3:16 min Rückstand auf Selle.

 

Sechster wurde Frank Stephan von der LG Offenbach. 5:07:27 h ist seine Endzeit.

 

Eindeutig spannender als bei den Männern war die Endphase bei den Frauen. Durch ihren Sieg auf der 4. Etappe hatte Heike Grob vom TV Flieden ganze 7 sec. Vorsprung vor Regina Blatz. Und dann begann auf dem Anstieg beim Verlassen von Bad Orb der Psychokrieg. Eigentlich ist Heike die schnellere Bergläuferin, aber Regina setzte alles auf eine Karte und sich erstmal ein Stück von ihrer Konkurrentin ab. Als dann noch unabgesprochen ein Bekannter mit dem Rad an der Strecke auftauchte und ihr immer wieder den Vorsprung vor Heike bekannt gab, ergab sich die Fliedenerin schon relativ früh in ihr Schicksal und ließ die überglückliche Lokalmatadorin aus Steinau ziehen. Aus 7 sec. Vorsprung wurden so 1:09 min Rückstand und in der Endwertung schoben sich noch 4 Männer zwischen Regina und Heike.

 

Auf die Plätze 3 und 4 liefen zwei Athletinnen, die noch 2 Wochen zuvor bei der 100 km-EM in Florenz für die Deutsche Nationalmannschaft am Start waren: Carmen Hildebrand, BGL-siegerin 1998 und 2001 brauchte 5:52:04 h und Simone Stöppler, Siegerin der Jahre 1994, 1997 und 1999 verpaßte die 6 h-Grenze nur um 59 sec. Die beiden Frauen auf Platz 5 und 6 trennten nur denkbar knappe 8 sec. und ein Gesamtplatz. Marion Bührmann wurde mit 6:03:04 h Gesamt-84., direkt hinter ihr in der Ergebnisliste findet man Joanna Tywczynski.

 

Und weil’s ein Jubiläums-BGL war, gab es außer den begehrten Finisher-Shirts (dieses Jahr in tannengrün) noch eine Medaille und eine Sonderehrung für verdiente BGL-Urgesteine. Absoluter Spitzenreiter ist dabei Kalli Flach, der Mann mit dem Abo auf Startnummer 1 – er hat bisher alle 20 Brüder-Grimm-Läufe durchlaufen und durchlitten.

 

Hätte es eine Sonderwertung für das erfolgreichste Ehepaar gegeben, wäre auch da der Name Blatz ganz oben auf der Liste zu finden. Hermann Blatz trainiert seit Oktober 2003 wieder ernsthaft, inzwischen dasselbe Pensum wie seine Frau und wurde dafür nicht nur mit kräftigem Muskelkater sondern auch noch mit Gesamt-Platz 62 und dem 4. Rang in der M50 belohnt. Und das, obwohl er am Sonntagmorgen am liebsten gar nicht mehr aufgestanden wäre. Aber so ging’s wahrscheinlich vielen seiner Konkurrenten und Mitläufer.

 

So gingen mal wieder drei schöne Lauftage zuende und mit Sicherheit wird auch der 21. Brüder-Grimm-Lauf vom 10.-12. Juni 2005 wieder ausgebucht sein.

 

für laufreport im Juni 2004